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Hochstaplersyndrom

Wenn Erfolge sich wie Zufall anfühlen

Immer wieder das Gefühl, eigentlich nicht gut genug zu sein. Die leise Sorge, andere würden einen zu positiv einschätzen. Und die Angst, irgendwann werde auffallen, dass man etwas eigentlich gar nicht kann.

Dieses Erleben steckt hinter dem Hochstaplersyndrom, auch Imposter-Phänomen genannt: ein psychologisches Muster, bei dem Menschen trotz objektiv großer Erfolge und nachweisbarer Kompetenzen von massiven Selbstzweifeln geplagt werden.

In der ersten Folge unseres neuen Podcast „Immer diese Psyche – Psychologie fürs echte Leben“ spricht unsere leitende Psychologin Janina Werz mit unserer Chefärztin Dr. phil. Carolin Göhre über die Ursachen, Anzeichen und Auswirkungen vom Hochstapler-Syndrom und sie geben Tipps, was dagegen helfen kann.

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Das Hochstapler-Syndrom – Anzeichen, Ursachen und Wege aus dem Tiefstapeln

 

 

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„Ich habe mir meine Erfolge nicht verdient“ oder „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis alle merken, dass ich das eigentlich gar nicht kann“ – solche Gedanken kennen viele Menschen. Sie können auf das sogenannte Hochstapler-Syndrom hindeuten. Was dahintersteckt, wie es sich äußert und was dagegen helfen kann, darüber spricht unsere Hostin Janina Werz in der ersten Folge von „Immer diese Psyche“ – dem Fachpodcast der Klinik ChiemseeWinkel – mit Chefärztin Dr. Carolin Göhre.

Was ist das Hochstaplersyndrom?

Im Kern des Hochstaplersyndroms steht die feste Überzeugung, eigene Erfolge – beruflich wie privat – nicht wirklich verdient zu haben. Stattdessen werden sie auf Zufall, Glück oder günstige Umstände zurückgeführt, während das eigene Können als überschätzt erlebt wird. Hinzu kommt die ständige Angst, früher oder später werde auffliegen, dass man an der „falschen Position“ gelandet ist – fast so, als hätte man andere bewusst getäuscht, obwohl keine Täuschungsabsicht besteht.

Wichtig für die Einordnung: Das Hochstaplersyndrom ist keine eigenständige Diagnose, sondern ein Phänomen, das sich oft erst im Verlauf einer Therapie zeigt. Viele Betroffene kommen zunächst wegen einer Depression oder Angststörung in Behandlung – und erst im Gespräch wird deutlich, dass dieses Muster im Hintergrund wirkt.

Typische Anzeichen sind:

  • die feste Überzeugung, Erfolge nicht verdient zu haben
  • die ständige Angst, „entlarvt“ zu werden
  • ein ausgeprägter innerer Kritiker, für den nichts je genug ist
  • ständiges Weiterstreben zum nächsten Ziel oder zum nächsten Projekt
  • Schwierigkeiten, Erfolge zu genießen oder stolz auf sich zu sein
  • Ruhelosigkeit und Unzufriedenheit, auch nach erreichten Zielen
  • eine Außenwirkung, die mit dem Innenerleben wenig zu tun hat: Wer innerlich unsicher ist, wirkt auf andere mitunter unnahbar oder sogar arrogant

Woher kommt das Hochstapler-Syndrom?

Ein zentrales Erklärungsmodell aus dem Podcast ist der Attributionsstil: wie Erfolg und Misserfolg gedanklich erklärt werden. Betroffene schreiben Erfolge meist Glück zu, Misserfolge dagegen sich selbst.

Mehrere Faktoren begünstigen dieses Muster:

  • ein leistungsbezogenes Elternhaus, das sehr gute Ergebnisse voraussetzt
  • fehlende Trennung zwischen Leistung und Person
  • ein gesellschaftliches Klima, das Erfolge selten groß feiert
  • der Einfluss von Lehrkräften und Gleichaltrigen – gilt Erfolg als cool oder als Angeberei?
  • zu häufiges, undifferenziertes Lob

Gefühle, Ängste und Selbstbild bei starker Ausprägung

Bei stark ausgeprägtem Hochstaplersyndrom geht es um mehr als gelegentliche Selbstzweifel. In der Therapie zeigt sich oft: Wird nach dem „Worst Case“ gefragt – treten sehr unterschiedliche Ängste zutage. Manche fürchten vor allem den Verlust von Anerkennung und Ansehen, verbunden mit Scham. Andere fürchten, für ihr Umfeld nicht mehr sorgen zu können, oder haben die leise Sorge, nur wegen ihrer Leistung geliebt zu werden.

In ausgeprägten Fällen kann sich das Selbstbild fast vollständig über Leistung definieren: Die eigene Liebenswertigkeit wird daran geknüpft, ständig zu funktionieren und erfolgreich zu sein. Genau diese tiefe Grundsicherheit – „Ich bin als Mensch okay, unabhängig davon, was ich leiste“ – fehlt vielen Betroffenen.

Wie können Betroffene und ihr Umfeld dem Thema begegnen?

Ein hilfreicher erster Schritt ist, die eigene Überzeugung wie eine Hypothese zu behandeln und sie aktiv zu hinterfragen: Was müsste eigentlich passieren, damit sich jemand nicht mehr als Hochstaplerin oder Hochstapler sieht? Gibt es überhaupt eine Erfahrung, die diese Überzeugung widerlegen könnte? Lässt sich das nicht beantworten, handelt es sich nicht um eine rationale Schlussfolgerung aus Fakten, sondern um ein bereits gefälltes, emotional geprägtes Urteil.

Ebenso wichtig ist zu lernen, Misserfolge auszuhalten: Eine schlechtere Note oder ein Fehler bedeutet in der Regel nicht den befürchteten Zusammenbruch, sondern ist Teil eines normalen Lernprozesses.

Für das nähere Umfeld – Eltern, Partnerinnen und Partner, Freundeskreis, Lehrkräfte – zählt vor allem eines: Leistung und Person trennen. Zuneigung sollte nicht an Noten oder berufliche Erfolge gekoppelt sein, sondern an positive Charaktereigenschaften.

Besonders im Fokus: junge Erwachsene

Gerade in der Lebensphase zwischen Schule, Studium und Berufseinstieg zeigt sich das Hochstaplersyndrom häufig. Diese Phase ist ohnehin von Umbrüchen, neuen Anforderungen und der Suche nach der eigenen Identität geprägt. Besonders betroffen sind oft junge Menschen, die durch überdurchschnittlich gute Leistungen auffallen oder früh Verantwortung übernehmen – gerade bei ihnen kann die Angst, dem eigenen Bild nicht gerecht zu werden, groß sein.

Wie stark äußere Erwartungen dieses Muster verstärken können, zeigt ein Beispiel aus der klinischen Praxis: Eine Schülerin schrieb regelmäßig die beste Note ihres Jahrgangs und wurde von Lehrkräften wiederholt als Vergleichsmaßstab vor der Klasse genannt. Mit der Zeit begann sie, ihre eigenen Noten gar nicht mehr anzuschauen und sich im Unterricht zurückzuziehen, um nicht ständig „vorgeführt“ zu werden. Die Folge war paradoxerweise ein tatsächlicher Leistungsabfall.

Auch der alltägliche Umgang mit Erfolg und Misserfolg in Elternhaus, Schule und Freundeskreis prägt junge Menschen: Gilt eine Eins als Standard, über den man sich nicht mehr freuen darf? Wird es als uncool empfunden, zu einer guten Leistung zu stehen?

Solche Erfahrungen können dazu führen, eigene Erfolge frühzeitig herunterzuspielen oder zu verstecken – ein Muster, das sich bis ins Erwachsenenleben fortsetzen kann, wenn es nicht bewusst durchbrochen wird.

Tipps: Was hilft gegen das Hochstapler-Syndrom?

  1. Erfolge bewusst zuordnen: Fragen, welchen eigenen Anteil man selbst an einem Erfolg hatte, statt ihn automatisch auf Glück oder Zufall zu schieben.
  2. Stolz üben – auch im Kleinen: Laut aussprechen, worauf man stolz ist. Auch darauf, einmal Nein gesagt oder eine Grenze gesetzt zu haben.
  3. Unsicherheit aushalten lernen: Ein aufkommendes unsicheres Gefühl nicht sofort durch noch mehr Einsatz „wegmachen“, sondern einen Moment beobachten, wie es sich entwickelt.
  4. Erfolge aktiv feiern, nach innen und außen: Ein kleines Ritual, ein geteilter Moment mit Freunden oder Familie. Es ist wichtig, Erreichtes bewusst wahrzunehmen, statt sofort zum nächsten Ziel überzugehen.
  5. Auch mal verweilen dürfen: Nicht jeder Erfolg muss gleich zur Startrampe fürs nächste, größere Ziel werden. Wer kurz innehält, spürt erst richtig: Das kann ich gerade richtig gut.

Wann ist professionelle Unterstützung sinnvoll?

Ein bisschen Hochstaplersyndrom kennt fast jeder – entscheidend ist der Ausprägungsgrad.

Mehr Leistung lindert die Angst kurzfristig, hält das Muster aber dauerhaft aufrecht. Therapie bedeutet deshalb vor allem, eingeübte Muster zu durchbrechen – auch wenn das zunächst unangenehm ist. Gerade bei jungen Erwachsenen, bei denen sich Leistungsdruck und Selbstzweifel oft erst in dieser Lebensphase festsetzen, lohnt sich ein genauer Blick auf spezialisierte Unterstützung.

Die Privatklinik ChiemseeWinkel hat ein eigenes psychosomatischen Konzept genau für diese Lebensphase entwickelt. Junge Erwachsen von 18 bis 28 Jahren finden hier Begleitung bei Leistungsdruck, Selbstwert und Zukunftsplanung – im Austausch mit Gleichaltrigen, die ähnliche Erfahrungen teilen.

 

Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine individuelle medizinische oder psychotherapeutische Beratung.

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