Neurohacking: Was unser Gehirn wirklich verändern kann
Podcast-Folge #065 online
Unser Gehirn ist formbar – ein Leben lang. „Neurohacking“ beschreibt, wie wir gezielt auf unser Denken, Fühlen und unsere seelische Gesundheit einwirken können: durch Atemtechniken und Achtsamkeit, aber auch durch faszinierende neue Technologien.
Unser Gehirn ist das faszinierendste Organ, das wir haben und gleichzeitig das, das wir am wenigsten verstehen. Es speichert unsere Erinnerungen, formt unsere Persönlichkeit, steuert unsere Gefühle und es leidet, wenn wir unter Druck geraten, erschöpft sind oder innerlich nicht mehr weiter wissen. In der aktuellen Folge von Berg & See:le spricht Moderator Markus Sturm mit Prof. Dr. Matthias Spörrle über „Neurohacking“ – was dahinter steckt, was heute schon möglich ist und was das für Ihre seelische Gesundheit bedeuten kann.
Das Gehirn neu betrachten
Von außen unscheinbar – eine weißlich-gräuliche Masse, wie Moderator Markus Sturm im Gespräch schmunzelnd anmerkt. Doch darin steckt alles, was uns ausmacht: unsere Gedanken, unsere Geschichte, unsere Fähigkeit zu fühlen, zu verlieben und zu verstehen.
Unser Gehirn besteht aus Milliarden von Nervenzellen, die über unzählige Bahnen und Verknüpfungen miteinander kommunizieren. Was viele nicht wissen ist, dass dieses Netzwerk nicht starr ist. Es ist formbar – ein Leben lang. Fachleute sprechen von Neuroplastizität. Darunter versteht man die bemerkenswerte Fähigkeit des Gehirns, sich durch Erfahrungen, Übungen und Therapie strukturell zu verändern. Wenn ein Bereich Schaden nimmt, kann ein anderer dessen Aufgaben neu erlernen und übernehmen. Das Gehirn ist kein fertiges Produkt, sondern ein System, das sich ständig weiterentwickelt.
Neurohacking – was steckt hinter dem Begriff?
„Neurohacking“ klingt zunächst futuristisch und etwas reißerisch. Prof. Dr. Spörrle beschreibt das Wort als Sammelbegriff für alle Maßnahmen, mit denen wir gezielt auf unser Gehirn und unsere kognitive Leistungsfähigkeit einwirken können.
Streng genommen gehört auch die morgendliche Tasse Kaffee dazu. Koffein reduziert nachweislich Fehler bei Übermüdung. Auch Alkohol wirkt auf das Gehirn ein, unter anderem angstlösend, was ihn trotzdem nicht zum empfehlenswerten Umgang mit Ängsten macht – das sei ausdrücklich betont.
Neurohacking reicht also von alltäglichen Gewohnheiten über gezielte Entspannungstechniken bis hin zu hochkomplexer Medizintechnologie. De gemeinsame Nenner: Wir nehmen Einfluss auf das, was in unserem Gehirn passiert – bewusst oder unbewusst.
Wenn sich Technologie und Nervensystem begegnen
Einen besonderen Teil des Gesprächs widmet Prof. Dr. Spörrle der Frage, wie weit die technologische Forschung bereits vorangeschritten ist. Das Stichwort: Brain-Computer-Interfaces – direkte Verbindungen zwischen Gehirn und Computer.
Das klingt nach Science-Fiction, ist aber bereits klinische Realität. Menschen, die nach einem schweren Unfall querschnittsgelähmt sind, können durch implantierte Elektroden darauf trainiert werden, einen Mauszeiger allein mit Gedankenkraft zu steuern. Die Verbindung ist möglich, weil das Gehirn und technische Geräte dieselbe Grundsprache sprechen: mit elektrischen Impulsen.
Diese Forschung beginnt dort, wo sie bei niemandem auf Widerstand stößt – bei Menschen, die dringend Hilfe benötigen. Menschen mit schweren Verletzungen, die durch ein Implantat wieder lesen, schreiben oder kommunizieren können – das ist der Ausgangspunkt. Von dort aus öffnen sich – wie Prof. Dr. Spörrle offen benennt – auch Fragen, die uns als Gesellschaft noch lange beschäftigen werden.
Technologie und Therapie
Neurohacking im weitesten Sinne bedeutet: das Gehirn nicht als starres Schicksal zu begreifen, sondern als ein System, das auf gezielte Impulse antworten kann. Genau das geschieht in der Psychosomatik – nur mit anderen Mitteln als Implantaten oder Elektroden.
Das Gehirn unterscheidet nicht zuverlässig zwischen einer realen und einer vorgestellten Bedrohung. Bei anhaltendem Stress, bei Angst oder tiefer Erschöpfung versetzt es sich in einen Alarmzustand mit körperlichen Folgen: Schlafstörungen, Muskelverspannungen, Herzrasen, chronische Schmerzen. Diese Symptome sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind eine nachvollziehbare Reaktion eines Nervensystems, das zu lange zu viel tragen musste.
Psychosomatische Therapie ist in diesem Sinne auch eine Form des Neurohackings – nur sanft, beziehungsorientiert und individuell abgestimmt. Atemtechniken, Achtsamkeitsübungen, körperorientierte Verfahren, tiefgehende Psychotherapie, Musik- und Kunsttherapie: All das sendet dem Gehirn neue Signale. Es lernt, dass Sicherheit möglich ist, dass Entlastung möglich ist und es verändert sich dabei – strukturell, messbar, nachhaltig.