Zwischen Rettung und Risiko: Was Bergwacht-Einsätze mit der Psyche machen
Podcast-Folge #064 online
Wenn Menschen in Not geraten, rücken sie aus – freiwillig, oft mitten in der Nacht und bei nahezu jeder Wetterlage. Auch die Helfer der Bergwacht erleben dabei Situationen, die nicht spurlos an ihnen vorbeigehen. In der aktuellen Folge sprechen wir mit einem Bergwachtler über die Herausforderungen im Einsatz, die mentale Stärke, die dafür nötig ist, und darüber, wie die Bergwacht ihre Einsatzkräfte unterstützt.
Armin Hohenadler ist aktives Mitglied der Bergwacht Bergen, der Skiwacht und des Technikteams Chiemgau – und ausgebildeter Luftretter. Das bedeutet: Wenn der Rettungshubschrauber kommt, lässt er sich per Winde in unwegsamem Gelände ab und leistet Hilfe. Die Berge kennt er seit Kindheitstagen und ihm war immer klar, dass er bei der Bergwacht aktiv sein möchte.
Funktionieren, wenn es darauf ankommt
Armin Hohenadler beschreibt es nüchtern, aber treffend: „Im Moment funktioniert man einfach. In einem Einsatz bleibt keine Zeit für Zögern – die Situation fordert volle Konzentration und Handlungsfähigkeit. Was dabei erlebt wird, meldet sich oft erst später zu Wort. Und natürlich gibt es auch Bilder, die bleiben.“
Hohenadler weiß aus eigener Erfahrung, dass gerade schwere Einsätze, bei denen Menschen ihr Leben verlieren, verarbeitet und irgendwann auch losgelassen werden müssen.
Psychische Nachsorge ist kein Luxus – sie ist notwendig
Was dieses Gespräch für die psychosomatische Perspektive so wertvoll macht: Armin Hohenadler schildert offen, dass Nachsorge bei der Bergwacht mittlerweile fest verankert ist. Nach jedem schwierigen Einsatz gibt es eine Besprechung – nicht nur zur taktischen Auswertung, sondern auch zur menschlichen. „Geht es allen gut?“ ist dabei genauso eine ernstgemeinte Frage wie „Was hätten wir besser machen können?“
Zusätzlich steht das KIT – das Kriseninterventionsteam – bereit. Es betreut nicht nur Angehörige von Verunglückten, sondern kann auch von den Einsatzkräften selbst in Anspruch genommen werden. Für alle, die sich beispielsweise mit dem Thema Trauma, posttraumatische Belastung oder Stressverarbeitung beschäftigen, steckt darin ein wichtiger Impuls: Das Reden über das Erlebte ist keine Selbstverständlichkeit und erfordert Eigeninitiative – nur so entsteht ein „gesunder“ Umgang mit dem Erlebten.
Die Berge als Raum für Heilung
Die Faszination, die Berge auf Menschen ausüben, ist kein Zufall. Oben ankommen, über allem stehen, sich selbst bezwingen – der Berg verlangt etwas ab und gibt dabei viel zurück. Naturerleben reguliert das Nervensystem, schafft Abstand zum Alltag und lässt den Kopf wieder frei werden.
Was intuitiv viele spüren, belegt die Forschung: Bereits 20 Minuten in einer naturnahen Umgebung reichen aus, um den Stresspegel messbar zu senken – das zeigt beispielsweise eine aktuelle Studie der Medizinischen Universität Wien.
Regelmäßige Naturerfahrungen können so einen wichtigen Beitrag leisten – zur Stressbewältigung, zur inneren Balance und langfristig auch zur Stärkung der Resilienz.
Ein Tipp zum Schluss:
Wer tiefere Einblicke in den Alltag der Bergwacht gewinnen möchte empfehlen wir die Dokuserie „In höchster Not – Bergretter im Einsatz“ (ARD Mediathek). Darin schildern verschiedene Einsatzgruppen ihre Erlebnisse sowie die Abläufe, wenn ein Notruf eingeht.