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Auch junge Männer leiden – nur anders

Warum sich psychische Belastung bei ihnen häufig anders zeigt

Natürlich werden auch Jungen und junge Männer traurig, überfordert, ängstlich oder depressiv. Nur zeigt sich psychische Belastung nicht immer so, wie wir sie erwarten – und genau das macht sie im klinischen Alltag oft schwerer erkennbar.

Wenn Belastung anders aussieht als erwartet

Statt Tränen zeigt sich bei vielen Jungen und jungen Männern etwas anderes: Gereiztheit, Rückzug, schlechtere Noten, schlechter Schlaf – oder ein Verhalten, das plötzlich fremd wirkt.Das ist kein Zufall. Eine große wissenschaftliche Auswertung von mehr als 120.000 Kindern und Jugendlichen zeigt, dass Gereiztheit eng mit psychischen Belastungen zusammenhängt –  auch mit Depressionen und Ängsten.¹ Gereiztheit ist also nicht das Gegenteil von Traurigkeit. Sie kann eine ihrer Ausdrucksformen sein, gerade wenn Gefühle nicht offen gezeigt werden.

Ein zweiter Grund liegt in dem, was viele Jungen früh lernen: Stark sein. Probleme allein lösen. Gefühle für sich behalten. Eine aktuelle Studie mit rund 900 Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren zeigt: Je mehr sich Jungen an klassischen „männlichen“ Rollenbildern orientieren, desto eher unterdrücken sie ihre Gefühle und fühlen sich später belastet. Am stärksten spüren sie diesen Druck mitten in der Pubertät.²

Wer gelernt hat, dass Gefühle zeigen „schwach“ ist, findet oft keine Worte für das, was in ihm vorgeht. Und noch seltener den Mut, sich frühzeitig Hilfe zu holen.

Barrieren für junge Männer, Hilfe anzunehmen

Das bestätigt auch eine große Analyse, die 189 Studien zum Hilfesuchverhalten junger Männer ausgewertet hat. Die größten Hürden sind klassische Männlichkeitsbilder, zu wenig Wissen darüber, was psychische Gesundheit überhaupt bedeutet, Scham, oder fehlende Angebote.³

Diese Hürden verstärken sich gegenseitig: Wer eine Belastung nicht als solche erkennt, sich dafür schämt und dann auch noch kein passendes Angebot findet, holt sich oft erst dann Hilfe, wenn es bereits kriselt. Wie wichtig ein leichter, anonymer Zugang sein kann, zeigt eine aktuelle Auswertung eines Online-Beratungsangebots für junge Männer in Krisensituationen: Obwohl ihr Risiko für psychische Erkrankungen und Suizidalität erhöht ist, nehmen sie professionelle Hilfe seltener in Anspruch als junge Frauen. Niedrigschwellige, digitale Angebote können hier eine wichtige Brücke sein.

Warum das Jugendalter so entscheidend ist

Die Pubertät ist mehr als nur eine schwierige Phase. Sie ist die Zeit, in der sich prägt, wie ein Mensch später mit Stress, Konflikten und schwierigen Gefühlen umgeht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt die Jugend deshalb als eine der wichtigsten Phasen für die psychische Entwicklung überhaupt. Hier lernen junge Menschen, gut zu schlafen, Probleme zu lösen, mit anderen umzugehen und ihre Gefühle zu regulieren. Schon heute sind laut WHO 4 bis 5 Prozent der 10- bis 19-Jährigen von Angststörungen betroffen, 1 bis 3 Prozent von Depressionen – mit steigender Tendenz, je älter die Jugendlichen werden.⁵

Dies bestätigt auch die COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf vom Dezember 2025: 22 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen fühlen sich in ihrer Lebensqualität eingeschränkt. Das ist deutlich mehr als vor der Pandemie. 23 Prozent zeigen psychische Auffälligkeiten, 25 Prozent Angstsymptome, 18 Prozent fühlen sich einsam. Als Belastung nennen junge Menschen heute vor allem globale Krisen, gesellschaftliche Spannungen und wirtschaftliche Unsicherheit.⁶

Hilfe annehmen ist keine Schwäche

Frühe Unterstützung bedeutet nicht, dass mit einem jungen Menschen „etwas nicht stimmt“. Sie bedeutet vielmehr, rechtzeitig einen Rahmen zu schaffen, in dem grundlegende Fragen bearbeitet werden können:

  • Wie gehe ich mit schwierigen Gefühlen um?
  • Wie erkenne ich, wenn mir etwas zu viel wird?
  • Und wie kann ich Hilfe annehmen, ohne mich dafür zu schämen?

Gerade für Jungen und junge Männer, deren Belastung sich häufig hinter Reizbarkeit, Rückzug oder Leistungsabfall verbirgt, braucht es Angebote, die diese Ausdrucksformen kennen, ernst nehmen und ansprechen – ohne vorschnelle Pathologisierung, aber mit fachlicher Präzision.

Quellen

[1] Chin, M., Robson, D. A., Woodbridge, H., & Hawes, D. J. (2025). Irritability as a Transdiagnostic Construct Across Childhood and Adolescence: A Systematic Review and Meta-analysis. Clinical Child and Family Psychology Review, 28, 101–124.
[2] Zheng, R., & Meier, E. (2026). Bottled Up and Breaking: The Impact of Masculine Norms on Emotional Expression and Psychological Distress in Adolescent Boys. American Journal of Men’s Health.
[3] Lucier, K. (2025). A Systematic Review of Mental Health Help-Seeking Behaviours in Young Men. We-Spark Health Institute Conference, University of Windsor.
[4] Endres, K. J., Eckert, M., Saee, S., & Pougin, J. (2026). Young males in crisis: pathways, usage and acceptability of an online messenger based psychosocial counselling service. Frontiers in Digital Health, 7.
[5] World Health Organization (2025). Mental health of adolescents [Fact Sheet]. Abgerufen im August 2025.
[6] Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Child Public Health, COPSY-Studie, 8. Erhebungswelle (2025). Pressemitteilung vom 04.12.2025. ; vgl. auch DIE ZEIT (2025): „Copsy-Studie“: Junge Menschen weiter stärker psychisch belastet als vor Pandemie.